Von:
Rolf Rendtorff

e-altestestament.de

Der erste Teil der Bibel war bereits in Gebrauch, bevor das Neue Testament entstand. Er wurde in Hebräisch verfasst, der Sprache, die die Juden in den Jahrhunderten ihrer politischen Selbständigkeit unter König David (ca. 1000 v. Chr.) bis zur Eroberung Jerusalems durch die Babylonier (587/86 v. Chr.) sprachen. Später sprachen sie Aramäisch, eine mit dem Hebräischen verwandte Sprache. Auch Jesus sprach aramäisch. Schriftsprache war aber griechisch. So wurde das Neue Testament auf Griechisch verfasst.

Immer wenn im Neuen Testament von der „Schrift“ gesprochen wird, oder wenn es heißt “wie geschrieben steht“, ist der damals verbreitete Teil der Bibel gemeint, das bekannte "Alte" Testament. Als sich dann in der Nachfolge Jesu aus Juden und Nichtjuden christliche Gemeinden bildeten, wurden die Berichte über Jesus in eigenen Schriften ausgearbeitet, den „Evangelien“. Außerdem kamen Briefe der Apostel und andere Schriften hinzu. Diese Sammlung von christlichen Schriften wurde als zweiter Teil, als „Neues Testament“ mit der jüdischen Bibel verbunden, die nun das „Alte Testament“ genannt wurde. Als zu Beginn meines Theologiestudiums Hebräisch in mein Blickfeld trat und ich Gerhard von Rad, einem großartigen Lehrer des Alten Testaments, begegnete, stand das Alte Testament bald im Mittelpunkt meines Interesses.

Die ursprüngliche Fassung der Bibel in der hebräischen Sprache blieb weiterhin die Heilige Schrift der jüdischen Gemeinde überall in der Welt. Sie bedarf für die Juden keiner zusätzlichen Interpretation durch ein „Neues“ Testament. Die aus der jüdischen Gemeinde hervorgegangene christliche Gemeinde stellt aber neue Fragen, und sie sucht und findet zu vielen dieser Fragen Antworten oder Hinweise in der jüdischen Bibel, dem „Alten“ Testament.

Deshalb muss jede der beiden Glaubensgemeinschaften das uneingeschränkte Recht der anderen anerkennen und gelten lassen, die Bibel im Rahmen ihrer eigenen Tradition zu lesen und auszulegen. Für uns Christen bedeutet das, dass wir als die „jüngeren“ Bibelleser nicht unsere eigene Auslegung als die „richtige“ oder gar als die allein „wahre“ der älteren, durch die Jahrhunderte gewachsenen jüdischen Auslegung entgegenstellen können. Andererseits kann die jüdische Auslegung der Bibel für uns Christen eine reiche Quelle von Erkenntnissen und Glaubenswahrheiten sein, wenn wir uns ihr öffnen.